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Die Zärtlichkeit Gottes

Wow `Zärtlichkeit` und `Gott` in einem Satz? Das erschien mir irgendwie ….. absurd? Ist Zärtlichkeit nicht etwas sehr Menschliches, etwas was eines fassbaren Gegenübers bedarf? Das verlangte nach genauerer Betrachtung.

In meinen diversen Überlegungen stolperte ich über folgende Sätze in Franziskus Buch „Gott ist barmherzig“: Im Alten Testament wird im Kontext mit der Barmherzigkeit Gottes oft das Wort „hèsèd“ verwendet, das zugleich schlicht „Liebe“ bedeutet. Allein an diesem einen Wort mit seinen zwei Nuancen wird deutlich, daß sie beiden Begriffe nicht voneinander trennen lassen. Hèsèd bezeichnet eine tief verwurzelte Haltung von Güte. Die göttliche Barmherzigkeit ist eine tiefe, völlige Zuwendung, die verbindlich, dauerhaft, treu und ganz personal dem gilt, dem sie sich zuwendet. Barmherzigkeit und Liebe sind demnach Ausdruck des Wesens Gottes. Und beides offenbart Gott uns mit unglaublicher Zärtlichkeit und Vorsicht.

In Franziskus Predigt vom 17.12.2017, überschrieben mit „Der theologische Ort der Zärtlichkeit Gottes“, wiederum ist zu lesen: (…) Jesus reinigt mit Zärtlichkeit, mit Barmherzigkeit, mit Liebe. Laß es zu, daß der Herr mit seiner Barmherzigkeit eintritt und unser/Dein Herz mit aller Zärtlichkeit reinigt und heilt. Gott ist wie ein Papa, der zu seinem Kind spricht, indem er die Stimme sanft werden läßt und es liebkost: „Fürchte Dich nicht, ich werde Dir helfen!“ (Jes 41,13) Er ist der Gott, der im Dialog mit uns klein wird, um uns verstehen zu lassen und uns dazu zu bringen, daß wir (in aller Freiheit) Vertrauen zu ihm haben und zu ihm mit dem Mut Paulus sprechen können: „Papa, Abba, Papa, … die Zärtlichkeit Gottes.“ Es ist der große Gott, der klein wird und in seiner Kleinheit nicht aufhört, groß zu sein.

Doch wie erfahre ich, ganz persönlich, diese Zärtlichkeit? Wie nehme ich sie wahr? Was bedeutet sie für mich und mein Leben? Was verstehe ICH unter Zärtlichkeit?

Gottes Zärtlichkeit ist anders, als alles was ich mir auf Erden sonst so an Vorstellungen über Zärtlichkeit gemacht habe. Ich kann sie spüren – nicht in mir, sondern auch auf mir. Es ist eine tiefe Berührung, die jede Faser meines Körpers erfasst. Seine Zärtlichkeit kommt in der Stille, den jedes Wort, würde sie nur limitieren und ihr nie gerecht werden können.

In dieser Berührung liegt unglaublich viel Intimität, Gefühl und Vertrauen. Selbst die intensive Zärtlichkeit von Verliebten kann nur einen Bruchteil von Gottes Zärtlichkeit abbilden. Sie kommt unerwartet und umhüllt mich ganz. Hier bin ich in dieser Zärtlichkeit geborgen, niemand kann mir in diesem Augenblick je näher sein als ER, niemand kann mich so sehen, wie ER, der mich in seiner Zärtlichkeit vollkommen durchdringt. Ich kann es mit nichts Irdischem vergleichen, denn es ist nicht von dieser Welt.

 

Oh ha! Diese persönliche Erkenntnis ist erstmal überwältigend, beunruhigend und beeindruckend. Sie macht mich dankbar. Ganz offensichtlich hat sich in den letzten Jahren etwas in mir und meiner Gottesbeziehung verändert.

Und was bedeutet es nun diese Zärtlichkeit wahrzunehmen? Welche Konsequenzen kann dies nun für mein Leben haben? Papst Franziskus sagte einmal „Mit dieser Zärtlichkeit sucht ER uns und rettet uns.“ Und weiter hieß es: „Und das ist ein Geheimnis und etwas vom Schönsten!“

Ja, wenn ich mir meine oben aufgeführten Gedanken so ansehe…. kann ich mir nichts Schöneres erdenken. Denn ist es nicht so, daß einem Zuwendung und Zärtlichkeit nur zuteil wird, wenn man jemanden wichtig ist? Und sofort kommt mir ein weiteres Wort in den Sinn: „Sehnsucht“. Denn von dieser Nähe kann und möchte ich nicht genug bekommen.

Ein Exerzitienleiter sagte einmal, Sehnsucht enthalte das Wort `Sucht`. Und diese wäre immer etwas Fremdbestimmendes und unkontrollierbar – ergo zu vermeiden. Über diesen Satz ärgere ich mich seit Jahren! Doch in diesem Wort steckt auch das Verb „suchen“ – suchen nach Gottes Zärtlichkeit – suchen nach seiner Berührung. Und auf dieser sehr bewußten Suche nach Berührung, Begegnung und Nähe finde ich vielleicht auch ungeahnte Zärtlichkeit in meinem Alltag wieder:

Die zärtliche Berührung am Rücken, wenn mein Partner an mir vorüber geht, die Zartheit und Behutsamkeit mit der meine Tochter mich am Abend segnet, die ungeschminkte und klare Liebe, wenn mein Jüngster mir einen mehr als feuchten Kuß auf meine Lippen drückt, meine Professoren, die mit leuchtenden Augen und wahrer Hingabe über die Geheimnisse im alten oder neuen Testament dozieren oder die ältere Dame, die mir im Einsatz auf der Straße – selbst auf der Suche nach Verständnis und Nähe – sanft meine Hand drückt. Hmm, wenn ich so bewußt darüber nachdenke, gibt es viele dieser sanften, zarten Augenblicke der Nähe.

 

Die Suche nach Gottes Zärtlichkeit läßt mich aufmerksamer werden für mehr mögliche „Berührungen“ im Alltag mit meinen Mitmenschen, für die sanften Worte, liebevollen aufmunternde, fast liebevollen Blicke, zufällige Berührungen und intensiven Begegnungen, auch mit Fremden.

Ich denke, ich habe verstanden, daß Gott unglaublich zärtlich mit mir umgeht und zudem in vielen kleinen Begebenheiten des Lebens mit seiner Zärtlichkeit in meine Situationen hineinkommt. Gott führt mich in meiner Sehnsucht und verändert mich Stück für Stück, mein Verhalten, meine Sicht auf die Dinge und meine Mitmenschen und mein Vertrauen in ihn. Und die schönste, sich immer tiefer setzende Erkenntnis, die oft im Alltag überdeckt wird: ER wendet sich mir zu – ich bin IHM wichtig!

Also wie ist es mit DEINEM Verständnis und Wahrnehmen von Gottes Zärtlichkeit?
   

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