Ärztliche Privatpraxis

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Himmel auf Erden

Grüße aus dem Himmel

 

Es ist Montag. Der Tag begann wie immer um 5:15. Bis mittags um 14 Uhr hatte ich nicht nur gearbeitet und meinen Haushalt erledigt, sondern auch noch gute 100km auf der Uhr. Nachmittags wollte ich nur mit den Kids routinemäßig zum Arzt – es wurde eine „Verkaufsveranstaltung“. Meine Freundin (Ärztin) ist gut gefordert, gerade Mama geworden und benötigt dringend Hilfe. Am Ende des Termins war klar: ich fange dort an – arbeite 2 Tage in ihrer Praxis und 3 Tage in meiner Praxis. Zwischendrin kam ein Anruf, den ich leider wegdrücken mußte. Eine gute Stunde später hatte ich erst Zeit für anderes.

Auf dem Parkplatz erfuhren wir dann (Telefon war auf „Laut“ gestellt zum Abhören des ABs), daß eine kleine, 10 jährige Freundin verstorben sei und die Eltern sich wünschen, daß wir nun kommen. Inga-Lena kann das nicht, ich konnte ihr (nach diesem Telefonat) auch nicht zumuten allein mit Justus zu bleiben, ergo mußten alle Kids zu Hause bleiben. Michael arbeitet Anfang der Woche oft in Frankreich (2-3 Tage) und stand demnach nicht zur Verfügung. Also Freundin anrufen und sie bitten später mit ihren Kids (weil alleinerziehend) bei mir vorbei zu fahren, wo ich die Kids in 40 Min.  auf der Weiterfahrt zu dieser Familie abladen würde. Sie sollte nur mit ihnen zu Abend essen, damit wieder etwas „Normalität“ und somit Stabilität für die Kinder reinkäme. Ins Bett würden meine Kids allein gehen, was sie auch taten.

Ich fuhr weiter, um die Familie, besonders aber die älteren Geschwister der Kleinen etwas zu begleiten.

 

Ich habe niemanden begleitet!!! Ich wurde begleitet. Es war ein wunderbarer, nahezu schöner Abend mit viel Harmonie und Ruhe, guten Gesprächen, Sanftheit, Liebe und Nähe. Und Anna* (unser kleiner Engel, der noch 2 Tage zu Hause bleiben durfte) war mittendrin. Ihr Tod war überraschend und unvorhergesehen für alle. Ich kenne die Familie nicht gut. Unsere Kinder und ein gemeinsames Hobby verbinden unsere Familien. Ich wußte nicht, was mich dort erwarten würde, aber mit so einem Abend hatte sich sicher nicht gerechnet. Die Familie glaubt nicht an Gott und doch war Gottes Anwesenheit so offensichtlich. Ich war dort NICHT von Nöten, aber ich durfte an diesem Abend viel erfahren und lernen.

Am nächsten Tag, gestern, war ich mit Lennart dort. Für die Brüder war DAS unglaublich wichtig und sie haben Lennart sofort vereinnahmt. (Inga-Lena mußte in der Zeit 3h Justus hüten. „Pflegebruder“ Alex unterstütze sie dabei😊). Die gerade anwesende Bestatterin begrüßte mich freundlichst und war froh mich zu sehen, da ich doch ihre „Ansprechpartnerin“ sei und die Abschiedsfeier organisieren würde. Aaaahhh Haaa. Bis zu diesem Zeitpunkt war MIR das auch nicht klar gewesen!!

Im ersten Moment überflog mich leichte Panik, bis wieder mein normale „Programm“ griff und ich letztlich voll in meinem Element war. Ausser mir waren noch mehr Gäste da, die sich verabschieden wollten und der Familie beistehen. Mama, Heidi, hat alle herzlichst willkommen geheißen und für jeden einen „Platz“ in dieser Familie.

Lennart hat mit einem der Brüder den kleinen, weißen Sarg ins Haus getragen – ehe er dann von den Jungs probegelegen wurde. Für mich als Erwachsener und auf unsere „Normen“ sozialisierten Menschen – ein wahrlich bizarres Bild. Aber es war gut so. Anna ist da! Sie soll bald gehen, alle wollen wissen worin und wie und wie es sich anfühlt. Wir sitzen um sie rum in ihrem Zimmer und ihr Papa erzählt lustige und spannende Geschichten von ihr. Wir schmunzeln und lachen über so manche Anekdote und sind einfach da – da im Augenblick. Es gibt kein „wenn“ oder „dann“ oder „aber“, es gibt Traurigkeit, aber keine Verzweiflung, der Raum ist angefüllt mit Liebe und Nähe, die jeden Anwesenden trägt. Immer wieder beugt sich jemand zu Anna, berührt sie, streichelt sie, segnet sie, sagt ein stilles Wort zu ihr … aber da sind keine Tränen des Kummers. Im Hintergrund laufen fiese Kinderhits, die mir eigentlich schon zu den Ohren rauskommen (hallo, ich habe selbst 3 Kinder ….. 13 Jahre die selben Hits – man verzeihe mir meine „Ungeduld“). Doch hier ist es Annas Musik, die Musik, die sie immer beruhigt hat bei Schmerzen oder Unruhe, Klänge, die sie liebte und die jetzt die Illusion vermitteln, sie wäre noch da. Diese Musik gehört hier her.

Der Tod ist nicht schlimm, dramatisch, unfassbar und grausam. Hier war er ganz still und sanft. Ich darf ihn fassen und anfassen. Ich darf ihn ansehen und er kann unter uns weilen, bis er jemanden einfach leise mit sich nimmt.

Ich fühle mit der Familie und verstehe die Trauer, den Schmerz und das riesige Loch, daß in ihr Leben gerissen wurde. Doch ich weine nicht für Anna. Ich weiss, daß sie in Gottes Armen ist, geliebt, glücklich, GESUND, zeitlos, lachend und unlimitiert. Lennart sagte mal, eigentlich sei es unsinnig so unglaublich traurig zu sein. Passiere nicht genau das, was die meisten Menschen eigentlich anstreben? Sie sind bei Gott und verweilen in purer Liebe und Geborgenheit. Der Gehende sei zu beglückwünschen und wir sollten uns für ihn freuen. Doch wir leiden, weil wir darüber nachdenken, was UNS fehlt. Wow.

Die Weisheit meines Kindes rührt mich in der Tat auch regelmäßig zu Tränen.

 

Ich bin dankbar! Ich bin nicht zur Untätigkeit verdammt, darf helfen, mache etwas, daß ich eh fix aus dem Ärmel schütteln kann, darf der Familie nützlich sein und ein Teil eines doch irgendwie großartigen Projektes sein. Diese Familie ist einfach großartig und unglaublich „klar“ und wächst gerade über alles Mögliche hinaus!

Krankheit, Kinder, Tod, Kirche, Organisation, seelische Schmerzen anderer (hier nun vor allem der Verwandten) sind etwas ganz Alltägliches für mich und ich kann mich dort, gottgeführt und routiniert, gut durch die Situation bewegen. Ich denke, ich werde dort „hingestellt“. Die Familie hat ganz ohne mich genügend Freunde und Verwandte. Aber im Leben würde ich mich jetzt nicht zurückziehen wollen und den angetragenen Auftrag ablehnen.

Die Erfahrungen und das Wachstum, welches ich dort machen darf, wünsche ich jedem Menschen.

 

 

*Name wurde von mir geändert, ebenso wie kleine Details, damit die Familie nicht von Fremden wiedererkannt wird.

 

 

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