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Mein Glaubensbekenntnis

1.     Einleitende Worte

Dieses Essay wird sich mit einem Gebet auseinandersetzten, genauer gesagt mit einem persönlichen Glaubensbekenntnis. Dabei sollen verschiedene Aspekte bedacht werden wie die mutmaßliche Spiritualität des Schreibers, seine Art der Gottesbeziehung, gewählte Stilmittel und anderweitige bemerkenswerte Auffälligkeiten des vorliegenden Textes. Vorwegnehmen darf ich, dass dieses Bekenntnis aus dieser Zeit stammt.

 

2.     Mein Glaubensbekenntnis

Ich glaube an Dich, Gott,

den ganz Anderen,

den Unverfügbaren,

der mich ruft und mich liebt.

 

Und ich glaube an Jesus,

den Du mir als Freund und Bruder zur Seite gestellt hast,

und dem ich jeden Tag und überall begegnen darf.

Ich glaube daran, dass Du, Jesus, geboren wurdest und ganz Mensch warst.

Und ich glaube, dass Jesus ganz Du, ganz Gott, ist.

Ich glaube, dass Du für uns Menschen gestorben bist, damit wir Deine,

Gottes, wahre Liebe und Zuneigung

und Deine Bereitschaft zur absoluten Hingabe verstehen und begreifen können,

auch wenn es mir oft schwerfällt.

 

Ich weiß, dass Du auferstanden bist von den Toten, denn nichts kann Dich,

den allmächtigen Gott, limitieren.

Und ich hoffe, dass ich mit Dir auferstehen darf, um in Deiner Gegenwart und absoluten Liebe zu leben.

 

Ich glaube an Dich, Gott, den heiligen Geist, der Du mich glauben lässt und in mir wohnst, mir Gnaden schenkst, mich zur Liebe befähigst und dazu, Gutes zu tun.

 

Ich glaube, dass ich nur mit und in Dir wahre Liebe und Vollkommenheit leben kann und es meine von Dir gegebene Bestimmung ist, zu dieser Liebe zu gelangen.

Ich glaube, dass Du, Gott eine Beziehung zu mir haben möchtest, basierend auf maximalem Vertrauen und Hingabe.

Und ich spüre dabei meine Grenzen, Ängste und Unsicherheiten, die mich oft hindern, Deinem Beziehungsangebot gut zu begegnen.

Stattdessen begehe ich törichte Dummheiten, entziehe mich Dir, provoziere und baue irrationale Barrieren.

 

Ich glaube daran, dass Du mich liebevoll betrachtest und mir in deiner vollkommenen Liebe vergibst und mir jeden Tag und immer wieder einen Neubeginn ermöglichst.

 

Ich glaube daran, dass Du an mich glaubst,

meinen Weg kennst und

Wege findest, die mich, trotz aller Widerstände, sicher zu Dir führen.

Amen

 

 

2.1.   Markantes in diesem Gebet

Ich möchte damit beginnen, festzuhalten, was an diesem Gebet auffällt, festzustellen ist oder eben einfach bemerkenswert erscheint. In der äußeren Gesamtbetrachtung imponiert hier beispielsweise, dass es sich nach der Überschrift um sieben Textabschnitte handelt. Diese Zahl hat auch biblisch eine besondere Bedeutung: Der erste Schöpfungsbericht umfasst sieben Tage und Gott ruhte am siebten Tag (Gen 2,2–3 ELB); der Pharao träumte von sieben fetten und sieben mageren Kühen (Gen 41,2–7 ELB), die ihm Joseph als sieben fette und sieben magere Jahre deutete; die Offenbarung richtet sich an sieben Gemeinden (Offb 1,4 ELB); Johannes sieht ein Buch mit sieben Siegeln (Offb 5,1 ELB), sieben Engel blasen in sieben Posaunen (Offb 8,6 ELB).

Jeder dieser Abschnitte behandelt jeweils einen anderen Hauptaspekt. Alle drei göttlichen Personen werden persönlich in je einem Abschnitt angesprochen, was die Gleichwertigkeit dieser drei wesensgleichen Personen, Gottvater, Jesus und Heiliger Geist, erahnen lässt.

In den ersten vier Abschnitten stellt der Verfasser den Inhalt seines Glaubens da. Er gibt Zeugnis ab für Gottvater, Jesus, den Heiligen Geist und die göttliche Auferstehung. Diese vier Elemente können nicht nur klar benannt werden, sondern erfahren auch eine Begründung, nähere Erläuterung oder Beschreibung. Der Verfasser ist um Klarheit bemüht. Es erscheint ihm vernünftig und logisch, die benannten Elemente jeweils zu glauben. In dieser Klarheit ist kein Raum für Zweifel, irritierende, unechte Emotionen oder Wanken. Der hier beschriebene Glaube basiert auf Wissen, wie es typisch für das Geschenk des Glaubens ist. Dieses Wissen ergibt sich aus einem historischen (Geschichte und Heilige Schrift) und persönlichen Erfahrungswert heraus und ist als Hoffnung in die Zukunft hinaus strahlend. Glauben als Tugend von Gott geschenkt.

Die letzten drei Abschnitte weiten den Blick des Beters auf seine persönliche Beziehungsebene zu Gott hin. Hier entsteht Raum für eigene Reflektion, Einsicht, Reue, Hoffnung und Perspektive, die ihm von Gott verliehen wird.

In der weiteren Beschreibung sollen alle sieben Abschnitte einzeln, nacheinander beleuchtet werden:

Gleich in der Überschrift des Textes imponiert das Wort „Mein…“, womit auf einen persönlichen Bezug verwiesen wird und zugleich eine Abgrenzung zum allgemeinen, apostolischen Glaubensbekenntnis hergestellt wird. Der Schreiber löst sich hier aus der Gruppe der Glaubenden.

 

Erster Abschnitt:

Im ersten Satz „Ich glaube an Dich, Gott, …“eröffnet der Beter den direkten Dialog mit Gott. Hier wird zum einen der Adressat deutlich hervorgehoben, aber auch die Personalität des Glaubens unterstrichen. Der Beter spricht mit einem Freund und spricht diesen auch konkret an „…Dich, Gott.“

Dem folgt eine Beschreibung Gottes „…den ganz Anderen, den Unverfügbaren, der mich ruft und mich liebt.“. In dieser Beschreibung trifft der Beter Feststellungen über sein Gegenüber und stellt den offensichtlichen Bezug zwischen Gott und sich selbst her „der mich ruft und liebt“. Besonders bemerkenswert ist hier, dass Gott der eigentliche Akteur ist, da er ruft und liebt.

 

Zweiter Abschnitt:

Dies setzt sich im nächsten Abschnitt fort, in dem es heißt „…den Du mir ….zur Seite gestellt hast…“. Hier wird verdeutlicht, dass der wahrhaft Handelnde in dieser Beziehung Gott allein ist.

Im weiteren Verlauf des zweiten Abschnittes findet scheinbar ein Adressatenwechsel innerhalb des an sich geschlossenen Textes statt. So heißt es nun „… dass Du, Jesus“, statt zuvor Gott. Bereits im nächsten Satz erfährt dieser Wechsel eine Erklärung „…, dass  Jesus ganz Du, ganz Gott, ist.“ Dies darf als deutliches Bekenntnis der anerkannten Wesensgleichheit zwischen den Personen Gott und Jesus betrachtet werden.

Die Worte „…damit wir….begreifen können, auch wenn es mir oft schwer fällt.“ Beinhaltet gleich mehrere Auffälligkeiten. Der Beter wechselt die Personalpronomen vom „wir“, Plural, auf „mir“, Singular. Er gesteht also jedem Menschen zu, etwas Göttliches zu empfangen, in diesem Falle das Begreifen und Verstehen von Gottes Größe, erkennt aber sogleich seine eigene Limitierung: mir fällt es schwer, was den Satz „ich kann das nicht“ unausgesprochen nach sich ziehen könnte. Die zunächst aufgeführte Erklärung „damit wir begreifen können“, erinnert an eine Beweisführung, die eine versteckte Frage implizieren könnte. Ggf. eine Frage, die der Beter so nie wagen würde auszusprechen: Hätte Gott den Tod Jesu benötigt? Ist Jesu Tod als Erlösungswerk in dieser Form erfolgt, damit wir limitierten Menschen eine Chance haben, zumindest teilweise das große Mysterium Gottes und seines Heilsplanes zu verstehen?

Die menschliche Begrenztheit wird an dieser Stelle sehr deutlich: der Beter kann nicht alles verstehen, vieles ist und bleibt ein Mysterium. Doch er gesteht vor Gott und sich selbst diese Limitierung ein. Er bleibt ein Mensch der lernen und wachsen muss, mit Gottes Hilfe, und doch nie alles verstehen wird. In diesen Zeilen findet also auch eine demütig anmutende Selbstpositionierung unter bzw. vor Gott statt.

 

Dritter Abschnitt:

„Ich weiß!“ steht für eine klare Gewissheit, während einen Satz später „ich hoffe“, gewisse Restzweifel vermuten lässt. Fraglich bleibt letztlich, ob dieser Zweifel dem Umstand der Auferstehung gilt oder der eigenen Würdigkeit, dies erleben zu dürfen. Entsprechend der Persönlichkeitsstruktur und Biographie des Schreibers darf davon ausgegangen werden, dass es sich hier um Selbstzweifel handelt. Auf den Schreiber bzw. die Umstände der Entstehung dieses Textes soll im nachfolgenden Text noch genauer eingegangen werden. Auch der Gesamttext mit seinen vielen Bekenntnissen gegenüber Gott einerseits und den auch später erneut auftretenden Erkenntnisse der eigenen Limitierungen und Begrenzungen unterstreicht diese Sichtweise. Dem gegenüber steht ein Gott, der durch nichts aufzuhalten oder zu begrenzen ist, nicht einmal durch den Tod. Diese explizierte Erwähnung könnte ein Hinweis darauf sein, wie sehr es sich bei diesem Punkt für den Beter um DEN Dreh- und Angelpunkt seines Glaubens handelt.

Erwähnenswert ist weiter, dass die Kette des „ich glaube…“, welche sich an/in? sechs und sieben Abschnitten finden lässt, hier einmalig im dritten Abschnitt durch das „ich weiß“ unterbrochen wird. Es wäre ein Einfaches für den Verfasser gewesen, einfach in seiner Kontinuität zu verweilen und alle Abschnitte mit den Worten des Glaubens zu beginnen. Offenbar verlangte die Textaussage dieses Abschnittes, der Umstand der Auferstehung, danach, als Wahrheit hervorgehoben zu werden.


 

Vierter Abschnitt

„Ich glaube an Dich, Gott, den Heiligen Geist.“ Diese Ansprache gilt erneut einen weiteren Adressaten. Die permanente Rückbesinnung auf Gott (Gottvater), auch in den vorangegangenen Textabschnitten, macht deutlich, dass dem Beter die drei Personen sehr wohl bewusst sind, er sie würdigt und ehrt, während der zugleich ihre Wesensgleichheit ehrt und akzeptiert. Die wechselnden Anreden erscheinen sehr bewusst gewählt und lassen neben der persönlichen Vertrautheit der göttlichen Personen auch die Ehrfurcht vor diesem personalen Geheimnis erahnen. Im weiteren Verlauf dieses Abschnittes „…mich glauben lässt, …in mir wohnst, …Gnade schenkst,…mich befähigst…“ wird nochmals der Geschenkcharakter und das Empfangen von Gott unterstrichen. Der Beter versteht sich als Empfänger u.a. der theologalen Tugenden (Glaube, Liebe, Hoffnung) und als von Gott abhängig. Der Beter erscheint ohne Gott nichts, ähnlich der Theresia von Lisieux, welche sagte: „Ohne Dich, Gott, bin ich nichts - mit Dir ALLES!“

 

Fünfter Abschnitt

„Meine von Dir gegebene Bestimmung“. Das Wort Bestimmung meint in diesem Zusammenhang aller Wahrscheinlichkeit nach Berufung. Der Beter wird von Gott zu einer einzigartigen Liebe gerufen und darf diesen Ruf frei beantworten. An dieser Stelle hat Gott einen Plan, einen Wunsch für sein betendes Kind, welches sich hier gerade im Dialog mit ihm befindet. Und doch bleibt er ein göttlicher Wunsch und kein Zwang. Dieser Wunsch findet im nächsten Satz seinen Höhepunkt, in dem der Gläubige den göttlichen Wunsch versteht „basierend auf…“ und erkennt, wie sehr Gott ihm bereits vorangegangen ist „Hingabe“. Hier geht es um die göttliche Hingabe, die Jesus geleistet hat, in dem er durch seinen Kreuzestod bereits in maximale Vorleistung für uns gegangen ist. Hier wird also das göttliche Handeln des ersten und zweiten Textabschnittes erneut aufgegriffen und als Geschenk, Gnade aber auch als Voraussetzung für unser Sein mit und vor Gott verstanden.

Dieser Erkenntnis folgt eine Art Schuldbekenntnis mit der Anerkennung der eigenen Limitierungen und des eigenen Unvermögens. Entscheidend ist dabei, dass letztlich keine Bewertung erfolgt, sondern diese Feststellungen eher einer analytischen Zusammenfassung der zur Sünde führenden Grundstrukturen entsprechen. Es geht also offensichtlich nicht um falsche Scham, die wiederum ein Indiz für eine falsche ICH-Bezogenheit darstellen würde, eigenen Willen oder Egoismus, sondern eher um eine Einsicht über die eigenen, niederen Motive. Selbst wenn es eine latente Selbstanklage ist, liegt die Priorität nicht auf der Selbstverurteilung, sondern auf dem wertneutralen Feststellen der Umstände und das Verstehen der Zusammenhänge und Mechanismen, welche den Menschen von Gott wegführen könnten. Die Tatsache, dass es dem Schreiber wichtig ist, diese Umstände zu reflektieren und zu verstehen, legt nahe, dass er sich genau jetzt in einem Wachstumsprozess befindet, der ihm sehr wohl bewusst ist, vielleicht sogar wissentlich initiiert. Gewählte Worte wie „törichte Dummheiten“ erscheinen in diesem Zusammenhang fast verniedlichend und infantil. Die volle emotionale Reife erscheint also noch nicht gegeben. Ein weiterer Anhaltspunkt, der diese Theorie unterstreichen könnte, wäre der Umstand, dass in diesem Abschnitt von Provokation die Rede ist. Provokation ist ein Herausfordern und so auch Herausfinden wollen. Ein Abschätzen und Lernen wollen. Man provoziert, um bewusst eine bestimmte Reaktion beim Gegenüber zu erzielen und sei es, um festzustellen, dass Gott den Menschen auch in der Provokation nicht verlässt, ihn aushält und sich so beweist. Es ist davon auszugehen, dass ein derart begrenztes und fast pubertär anmutendes Denken des Autors ihn als MenschenKIND klassifiziert, das immer der Lernende und Empfangende bleiben wird. Vielleicht könnte es auch Ausdruck des kindlichen Wunsches nach Geborgenheit, Annahme und Verlässlichkeit sein, der im sechsten Abschnitt seine Erfüllung finden wird.

 

Sechster Abschnitt

Hier wird die Macht der göttlichen Liebe thematisiert. Dies erscheint besonders wichtig, da im Abschnitt zuvor eine Art Schuldbekenntnis erfolgte. Gott beweist sich also in seiner Liebe und Verlässlichkeit dem Beter unmittelbar. „Deine vollkommene Liebe vergibt.“ Etwas, was niemandem außer Gott möglich ist.

Die Formulierung „jeden Tag…einen Neubeginn ermöglicht“ lässt offen, ob der Dialogpartner dieses Angebot auch wahrnimmt oder überhaupt annehmen kann. Sie macht aber auch das Verständnis darüber deutlich, dass alle empfundenen Grenzen beim Beter selbst (zwischen seinen Ohren) liegen. Gott selbst hält alles offen, zu jeder Zeit.

 

Siebter Abschnitt

Hier endet das Gebet mit einer friedvollen und guten Perspektive, die den möglicherweise aufgewühlten Beter wieder zur Ruhe und in Frieden kommen lassen kann. „Du glaubst an mich“, lässt Gott mehr im Gegenüber sehen und erkennen, als dieser Mensch selbst erkennen kann. „Trotz aller Widerstände“ ermutigt den vor Gott Sitzenden zum Abschluss nochmals, denn Gott ist nichts unmöglich und der jetzige Beter sicher nicht Gottes schwerster Fall.

Es erscheint, als bräuchte die kritische und aufwühlende Selbstanalyse des fünften Teils nun die stufenweise Neutralisierung der beiden letzten Einheiten, um aus diesem intensiven Dialog mit Gott auch wieder gut hinausgehen zu können.

 

2.2.   Schlussbetrachtung:

Es ist festzustellen, dass hier nicht, wie im bekannten apostolischen Glaubensbekenntnis, die einzelnen Lebensabschnitte Jesu (Geburt, Leben, Leiden, Sterben und Auferstehung) beschrieben werden. Auch sind weitere, in diesem Zusammenhang übliche verwendete Persönlichkeiten wie Pontius Pilatus, Maria, Engel und Heilige in diesem Text nicht einmal als Nebenrolle erwähnt. Hier geht es ausschließlich um ihn selbst und um Gott, als eindeutigen Gesprächspartner in all seinen drei Personen, die durch den Beter gut erfasst werden können, und um den Beter selbst. Diese Priorisierung des Schreibers wird weiter unterstrichen durch die wiederholte direkte Anrede Gottes (Apostrophe). Untermauert wird diese Art der Intimität durch das genutzte Stilmittel der Innenperspektive, „ICH glaube. ICH weiß.“. Diese Innenperspektive wiederum gestattet dem Leser tiefe Einblicke in die Selbsterkenntnis, den spirituellen Prozess des initialen Beters und seiner inneren Reflektionsprozesse.

Weiter wird das Mittel der Personifikation verwendet, so dass vielleicht auch kritisch darüber nachgedacht werden darf, ob Gott an einigen Textstellen nicht sogar zu sehr vermenschlicht wird. Es geht ihm offensichtlich darum, seinen Platz vor und bei Gott und in dieser Gottesbeziehung zu finden und zu beschreiben. Dies kann einerseits dem Wunsch nach demütiger Klarheit im Prozess des Wachstums entspringen, aber auch der Selbstfindung in der Gottesbeziehung oder dem unrealistischen Versuch der Kontrolle und vermeintlichen Sicherheit. In dieser Vermenschlichung und der damit einhergehenden Unterstellung guter Werke gegenüber dem Schreiber, zieht er das göttliche Wesen hinunter auf eine für ihn verstehbare, nachvollziehbare und vor allem menschliche Ebene. Ob dies im Rahmen eines hilflosen Versuches der Annährung und dem Wunsch nach Intimität und Vereinigung geschieht, eher unter dem Hintergrund einer eigenen Selbsterhöhung und Selbstüberschätzung und damit verbundener, mangelnder Gottesehrfurcht, oder aber auf dem Boden des kompensatorischen Versuches, seine eigene Unsicherheit und Kleinheit im Zusammenhang mit einer vorangegangenen Selbstwertproblematik zu sehen ist, kann an dieser Stelle nur spekulativ erwogen werden. Sehr deutlich wird jedoch, dass der Schreiber um bald fassbare Klarheit bemüht ist, wofür die Ausführlichkeit des Textes und die Anzahl der verwendeten Worte im Text ein Hinweis sein können. Dies würde wiederum bedeuten, dass er dieses Gebet, wenn ihm selbst vielleicht auch unbewusst, jedoch in erster Linie für sich selbst verfasste, sozusagen als Hilfsmittel zur Reflektion und zur eigenen Gewissheit, um sich dann Gott mutig stellen zu können und sich von ihm bewusst betrachten zu lassen.

Wäre der gesamte Inhalt des festgehaltenen  Textes bereits zum Verfassungszeitpunkt klare Überzeugung und tiefste Sicherheit, bräuchte es vermutlich diese Ausführlichkeit nicht, da dem Autor Gottes liebevoll wissender Blick gewiss wäre, ebenso wie das Wissen, dass Gott jeden seiner Schritte und neuen Gehversuche kennt und voller Wertschätzung betrachtet.

Wollte man versuchen, den vorliegenden Text in die verschiedenen Gebetsstufen auf dem Weg zum Inneren Gebet einzuordnen, würden wir uns hier wohl auf der Stufe des Mündlichen Gebetes befinden, in welcher zum einen noch viele Worte von Nöten erscheinen und zum anderen vorformulierte Texte häufig die Gebetsgrundlage bieten. Die Sehnsucht nach einer weiteren göttlichen Annährung, beispielsweise im affektiven Gebet oder dem Gebet der Einfachheit, ist jedoch durchaus wahrnehmbar. In Gottes überschwänglicher Gnade und Geduld darf der Beter, voller Sehnsucht und Vorfreude, auf die Geschenke der nächsten Gebetsstufen ausharren.

 

3.     Hintergründe

 Spiritualität und biographische Einflüsse des Autors

Es handelt sich um eine Verfasserin, welche 1975 in Osnabrück geboren wurde. Bereits als Kind wurde sie römisch-katholisch in der Diaspora Niedersachsens (Lüneburger Heide) sozialisiert. Diese Erziehung, sicher aber auch der Umstand, dass für sie und die kleine Schwester Pflegefamilien innerhalb einer sehr aktiven und familiären Kirchengemeinde gefunden wurden und Themen wie Leben und Tod, Sterben, Krankheit, Leid oder Überleben stets hochpräsente Themen darstellten, sorgten dafür, dass Gott von je her ein lebendiger Teil ihres Lebens darstellte. Ein Leben ohne Gott, der die Sinnhaftigkeit von ALLEM, wenn auch sehr kindlich gedacht, darstellte, wäre nicht denkbar oder überlebbar gewesen.

Tiefgreifende Gotteserfahrungen durfte die Autorin bereits als 9, ca. 12 und 16 Jährige erfahren, was den Wunsch für ein gottgeweihtes Leben in einem Kloster durchaus nahelegte. Doch sie hatte Angst, belächelt zu werden oder auf massiven Widerstand zu stoßen, weshalb dies nie zu einem Gesprächsgegenstand wurde. Ihre grundsätzliche Lebensinformation war zudem das Wissen, dass sie nichts könne, ungenügend sei, leider recht wenig intelligent und immer irgendwie „zu viel“ und fordernd.

Tatsächlich studierte sie nach dem Abitur Medizin, um nach dem halben Studium feststellen zu müssen, dass ihre unbewusste Hauptmotivation wohl war, ihr chronisch krankes Familienmitglied zu retten, was ihr niemals gelingen würde. In dieser Zeit räumte sie Gott nicht mehr viel Platz in ihrem Alltag ein, obgleich die Tatsache, überhaupt einen Studienplatz und dies auch noch am Wunschort zu erhalten, ganz eindeutig in die Kategorie „Wunder“ fiel. Der Glaube blieb erhalten, doch die Innigkeit und Liebe erschien wie auf Eis gelegt.

Im weiteren Verlauf heiratete sie ihren langjährigen Freund, der zum einen auf dem Papier der evangelischen Konfession angehörte und zum anderen gänzlich unspirituell war, Gottes Existenz anfänglich sogar gänzlich in Frage stellte.

Erst die eigenen frühkindlichen Gotteserfahrungen ihrer Kinder konnten sie zurückführen und sie sich auf ihren ersten Weg zurückbesinnen. Es war ein ausschließliches Empfangen von Tugenden und Erkenntnissen, intuitiv und zunächst sehr unreflektiert.

Sehr deutlich wurde nun eine neue, immense Sehnsucht nach Gott und einer lebendigen Beziehung zu ihm. Am ehesten wäre diese Sehnsucht mit dem Wort „bittersüß“ zu beschreiben. Sie ist schmerzlich und bitter, weil die Person fühlt, dass etwas fehlt, unvollendet ist und es mehr (Gott) gibt, sie sich jedoch selbst oft gnadenlos im Weg steht. Und dann wird die Sehnsucht süß, weil es Gottes Ruf ist, der sie diese Sehnsucht wahrnehmen lässt und es immer wieder Ereignisse gibt, in welchen sie den Hauch einer Ahnung von Gottes wahrer Größe, Liebe, Zuneigung und Herrlichkeit spüren darf. Dies hat sie bewogen, neu nach ihrer Berufung zu fragen und sich auf einen besonderen und sehr bewussten Weg mit Gott zu begeben. Sie weiß, dass sie ihr Erdenleben lang auf diesem Weg wandeln wird und erfreut sich daran, dass er immer berauschender und spannender wird, so viele Oasen am Wegesrand bereithält und immer wieder faszinierende Wegbegleiter eine kleine Wegstrecke mitgehen. Auch der ein oder andere Berg wird dabei überwunden und bisher musste sie keine wahren Wüsten durchqueren.

Durch ein erneutes Studium (Theologie) konnten schier unfassbare Erfahrungen plötzlich in Worte gefasst werden und konkret be- bzw. überdacht werden. Eine neue Art des Erschließens und Verstehens wurde möglich.

Heute ist sie glücklich verheiratet und Mutter von drei, in jeder Hinsicht sehr besonderen Kindern. Inmitten von Menschen ist sie eine klare Grenzgängerin, doch immer auf dem Weg auf Gott zu.

 

3.1.   Umstände der Gebetsverfassung

Dieses Glaubensbekenntnis wurde vor ca.2 Jahren in den Wochen der Fastenzeit und Vorbereitung auf Ostern verfasst. Mit einigen der von mir getroffenen Annahmen, wenn auch um Objektivität bemüht, darf ich mich vielleicht etwas weiter aus dem Fenster lehnen, da ich, wie sicher schon vermutet, selbst der Verfasser bin.

Entscheidend ist wohl, dass dieses Gebet vor dem Input des Spiritualitätsstudiums entstand, es keine Auflagen zur Verfassung des Textes gab oder größere äußere Umstände, sie mich dazu verleitet haben könnten, dieses zu schreiben. Es war einfach an der Zeit, darüber zu reflektieren, woran genau ich wohl glaube. Ein befreundeter Priester schlug mir als Ausgangpunkt das allgemeine Glaubensbekenntnis vor. Gesagt, getan, war der Text nach ca. einer Stunde verfasst.

In der Zwischenzeit habe ich ihn selbstverständlich immer mal wieder gelesen, gebetet und meditiert. Ganz sicher aber ausschließlich im Rahmen meiner göttlichen Beziehungsarbeit. So erfuhr der Text in dieser Zeit auch nur wenig Veränderungen. Einige Worte wurden konkreter, weil ich mehr Sicherheit in mir wahrnehmen durfte.

Niemals zuvor machte ich mir die Mühe, den Text zu analysieren oder durch meine psychiatrisch-therapeutische Brille zu betrachten. Dies wäre mir zudem anmaßend und sehr ICH-bezogen erschienen, geht es in unserer Beziehungsarbeit doch um Gott und den Kontakt mit ihm und das Verweilen in seiner heiligen Gegenwart. In den letzten zwei Jahren durfte ich weiterhin wachsen, Gott sehr konkret begegnen und mich durch, mit und in ihm entwickeln. Heute ist mir mein eigener Text zu lang und zu wortreich. Bei all den verwendeten Worten gäbe es heute so Vieles zu ergänzen, was in den doch primitiv erscheinenden Worten schlicht nicht fassbar wäre, jedoch eben auch nicht gefasst werden muss, da  ich in tiefer Dankbarkeit wahrnehmen darf, dass in den meisten Zeiten die einfachen Worte bereits überwunden wurden.

 

Umso faszinierender, den Text heute mit dem im Studium neu gewonnenen Wissen betrachten zu dürfen - und dies nicht aus Überheblichkeit, sondern eher aus Neugierde und mit einem Blick der Dankbarkeit.

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