Ärztliche Privatpraxis

Aktuelles

 

Sie finden mich:

 

Praxisadresse:

Pfr. Ledermann Platz 6

86456 Gablingen

 

 

Postadresse:

Grünholder Straße 37

86456 Gablingen

 

0170  510 45 50

 · 

Straßen-Christus

1.     Einleitende Worte

Dieses Kunstwerk ist eine bearbeitete, selbsterstellte Fotographie, entstanden im Mai 2017. Gefunden wurde diese Anordnung nachts um 3 Uhr in Konstanz auf dem Nachtflohmarkt.

Ehe die Darstellung eine Interpretation erfährt, sollen zunächst verschiedene Betrachtungsmöglichkeiten herangezogen werden, um sich dem Bild und seinem Inhalt annähern zu können.

 

 

 

2.     Der Flohmarkt-Christus

 

 

3.     Bildbetrachtungsmöglichkeiten

3.1.   Deskriptive Betrachtung

Es handelt sich um eine Farbfotografie mit weißer Vignette. Zu sehen sind verschiedene auf dem Boden liegende Utensilien. Es dominiert ein toter Christus, umgeben von diversen Gegenständen des täglichen Lebens in der linken Bildhälfte. Zu finden sind hierbei von links nach rechts betrachtet: gläserne Kerzenständer, eine schmale Blumenvase, eine Art König aus Keramik, verschiedene kleine Dosen, eine rosa Teekanne, ein bemustertes Nudelholz, eine liegende Dose mit danebenliegenden Deckel aus Metall oder Blech, zwei Fotos, ein runder Aschenbecher, darüber eine metallene, kleine Teekanne, ein kleine Pfanne mit rotem Decken, wie aus einer Kinderküche, eine kleine Holzkiste, ein Buch auf welchem ein schwarzes Auto platziert wurde, Kabel und eine Flasche.  Außerdem liegt ein auf Christus gerichteter Gegenstand links neben ihm, welcher eine Spannvorrichtung aufweist und mir unbekannt ist. Obgleich dies für viele die erste Assoziation darstellt, handelt es sich nicht um eine Waffe.

Auf der rechten Seite des hölzernen Christus findet sich ein Stück Plastiktüte in weiß-blau, eine Gugelhupfform, ein schwarzer Lampenständer, eine umgedrehte Spitzhacke, das Unterteil eines Mixers (Zauberstab), ein blauer Spanngurt, ein Auspuff, eine Pfanne, verschiedene, nicht klar zu erkennende Gartengerätschaften u.a. mit hölzernen Stilen und ein rundes Werbeemblem zum an die Wand hängen.

Die Christusfigur selbst ist an mehreren Stellen beschädigt und gebrochen. Offensichtlich wurde die Figur an diesem Stand falsch zusammengesetzt, so daß auf der linken Seite, der rechte Arm Christus, nach unten gerichtet ist.

Alle Dinge befinden sich auf dem Fußboden liegend, wobei der Untergrund seine Struktur ändert, so daß hiermit eine weitestgehend waagerechte Linie durchs Bild gezogen wird, die von links oben nach rechts unten leicht gekippt ist. In deutscher Leserichtung zeigt diese Linie also einen Abwärtsverlauf.


 

3.2.   Fotographisch-künstlerische Betrachtung

Zunächst fällt auf, daß das Bild die genauen Proportionen eines goldenen Schnittes aufweist. In der folgenden Abbildung entspricht dies dem orangenen Kreuz.

 

 

Damit stellt der Christus den eindeutigen Focus dieses Kunstwerkes da, auf den alles andere verweist, bzw. mit ihm in Bezug zu setzten ist. Auch in dieser Betrachtung imponiert die Abwärtsbewegung des sich in der Struktur verändernden Untergrundes, auf welchem alle Objekte liegen. Diese Abwärtsbewegung wirkt limitierend und beengend und verweist in dieser Anordnung auf eine Begrenzung (ein bekanntes Stilmittel).

Die Tatsache, daß ausgerechnet die oberen Bildpartien, besonders der rechte obere Bildbereich, so dicht bepackt sind, nimmt dem Bild die Weite und Perspektive. Dies unterstreicht die eben angesprochene Limitierung, Grenzen und Enge des Kunstwerkes.

Die verschiedenen sehr farbintensiven Gegenstände, wie das hölzerne Nudelholz, der blaue Spanngurt, das rote Buch oder der rote Deckel der Kinderpfanne, sorgen zudem für eine gewisse Ablenkung vom eigentlichen Focus, Christus. Sie sorgen so für eine gewisse Zerstreuung und Ablenkung des Betrachters. Die reduzierte Farbsättigung verstärkt diesen Eindruck zudem.

Die um das Bild gezogene weiße Vignette verleiht dem Kunstwerk zumindest im Ansatz einen Rahmen und damit einen gewissen Halt. Dies ist für den Betrachter für Gewöhnlich deutlich leichter zu ertragen, da das Bild durch die Begrenzung weniger maßlos und raumeinnehmend erscheint.

Insbesondere durch die mutmaßliche Christusbedrohnung, erscheint das Foto auf dem ersten Blick sehr provokativ. Erst im zweiten Betrachten öffnet sich der Blick für einen Christus im Leben, im Dreck und in der Normalität des Alltags.

 

 

3.3.   Psychologisch-analytische Betrachtung

Das Kunstwerk von verschiedenen Linien durchzogen, welche dem Gesamtbild

seine Struktur und mögliche Bedeutung verleihen.

 

Zunächst imponiert das Kreuz (Orange), hier durch Christus dargestellt, der das Bild außerdem in einen rechten und einen linken Anteil unterteilt. Entsprechend der deutschen Leseart führen mehrere Linien auf Christus zu, hier als schwarze Pfeile markiert, und wirken in ihrer Ausrichtung auf den dort liegenden Körper als wahre Bedrohung, was für eine innere Spannung sorgen kann. Diese Spannung wird etwas gelöst, durch die von Christus wegführenden Elemente, hier als grüne Pfeile dargestellt und hat somit die Wirkung des Abstrahlens. Das verändernde und „handelnde“ Element des Fotis ist also der am Boden liegende, tote Christus.

In der psychologisch-analytischen Betrachtung unterteilt man ein Bild zudem in vier gleichgroße Quadranten: A – links oben, B – links unten, C – rechts unten und D – rechts oben und stellt so eine Art Kreis nach, in welchem die verschiedenen Elemente betrachtet werden und auch unterschiedlichen Zeiten zugewiesen werden.

So bildet der Quadrant A Dinge und Ereignisse der fernen, weit zurückliegenden Vergangenheit ab, während B, die nahe, eben gerade vergangene Vergangenheit abbildet. Der Quadrant C dagegen steht für die nahe oder baldige Zukunft und D, für die ferne Zukunft oder Perspektive. Der Mittelpunkt steht für das Hier und Jetzt. Dabei ist es unerheblich, wenn dieser Mittelpunkt (Mitte des Bildes) in seiner Achse leicht verschoben wird. Ergo bleibt Christus das Zentrum.

In der genaueren Betrachtung ist nun festzustellen, daß in dem Teil A, der frühen bzw. lang zurückliegenden Vergangenheit, sehr viele verschiedene Dinge herumliegen. Sie sind ungeordnet und der Quadrant erscheint sehr voll bepackt, daß es ein gewisses Chaos darstellt, welches mit Unruhe einhergeht. In der Interpretation wurde dies nun den Schluß zulassen, daß der Mensch, der dieses Bild arrangiert hat, in seiner Kindheit und Jugend ein ehr ungeordnetes und stürmisches Leben geführt hat bzw. führen mußte, mit wenig Strukturen und Sicherheiten, vermutlich aber mit einem hohen Maß an Kreativität und Problemlösefähigkeit.

Im Teil B, der späten oder gerade vergangenen Vergangenheit sticht einem sofort die Bedrohung ins Auge, die scheinbar alles andere verdrängt hat. In der Psychologie muß dies nicht zwingend eine tatsächliche Bedrohung gewesen sein, es können auch schlicht sehr einschneidende Erlebnisse gewesen sein oder ein radikaler Kurswechsel, der sich im Leben des Menschen vollzogen hat. In diesem zeitlichen Abschnitt wurde auf jeden Fall Klarheit gewonnen oder hergestellt.

Das Zentrum – Christus hat Bodenkontakt, reicht also mit seinen Füßen bis zum unteren Ende des Bildes, ohne es zu überschreiten. Das Zentrum ist demnach geerdet, sicher und damit durch eine besondere Festigkeit und Verläßlichkeit gekennzeichnet. Unterstrichen wird dies, durch die Tatsache, daß Christus das einzig wirklich gerade und richtig ausgerichtete Objekt dieses Bildes zu sein scheint. Auffällig ist weiter, daß die gebrochene Christusfigur nicht nur neu zusammengesetzt wurde, sondern auch falsch zusammengesetzt wurde. Der rechte Arm ist verdreht und zeigt nach unten. Zwei Dinge könnten in diesem Zusammenhang bedacht werden. Erstens wirkt der Körper dadurch wahrlich menschlich und tot, also eine Verähnlichung zu uns Menschen. Und zweites schafft Christus durch seinen Arm eine Trennung zwischen vom vorangegangenem Chaos und der neuen Klarheit.

Im dritten Teil, dem Teil C der nahen, also unmittelbaren Zukunft, wird es wieder etwas voller und praktische Dinge und Werkzeuge imponieren. Aktion und Planungen nehmen also wieder zu, jedoch deutlich gerichteter und weniger chaotisch als zuvor.

Im letzten Abschnitt, D, der fernen Zukunft und Perspektive wird es wieder etwas chaotisch und bunter, jedoch bei weitem noch nicht so gedrängt und dicht wie in Abschnitt A.

Da die Abschnitte C und D in der Zukunft liegen, hat der Künstler nach Interpretation seines Werkes, Reflektion und Bewertung immer noch die Chance sich dafür bzw. dagegen zu entscheiden. So ein Arrangement wird in der Regel von unserem Unterbewußtsein kreiert, welches aber durch bewußte Reflektion durchaus beeinflußbar ist. Insofern kann so ein Werk niemals und unter keinen Umständen die Zukunft vorhersehen, sondern ist immer nur eine in sich begrenzte Momentaufnahme der Annahmen und empfundenen Möglichkeiten über sich selbst (den Künstler).

 

4.     Hintergründe zum Kunstwerk

Dieses Bild stellt einen kleinen Ausschnitt einer großen Szenerie dar an einem Stand mit zum Verkauf stehenden Gebrauchtgegenständen. Die Anordnung der Objekte erfolgte willkürlich. So war dieser Christus umgeben von bunten Objekten und Haushaltsgeräten. Über ihm hing eine lange Wäscheleine, an welcher neben einer alten, schwarzen Gasmaske, diverse Dessous hingen, vorzugsweise bunte BHs. Die Gesamtszenerie wirkte aufs Höchste skurril und doch vollkommen aus dem realen Leben gegriffen.

Der Standbesitzer verteilte seine Gegenstände recht wahllos nach Platz und Möglichkeiten unter seinem Vorzelt, um sein Hab und Gut vor dem Regen zu schützen. Neben diesem Christus wies der Stand noch viele andere Kreuze und diverse Rosenkränze auf. Auch an vielen anderen Ständen wurde eine Vielzahl von sakralen Gegenständen (Ikonen, Kreuze, Rosenkränze, Kruzifixe, Krippen, Weihwasserbehältnisse und christliche Kerzenständer) gefunden.

Tatsächlich werden die meisten zum Verkauf stehenden Dinge aus Haushaltsauflösungen stammen und Hinterlassenschaften von Verstorbenen sein. Trotz der steigenden Kirchenaustritte und zunehmenden Säkularisierung in unserer Gesellschaft, scheint es ein Problem darzustellen, offensichtlich spirituelle Gegenstände einfach zu entsorgen, weshalb sie auf einem solchen Markt bald den größten Anteil der Objekte ausmachen. Dies wiederum sagt etwas darüber aus, wie wir als Gesellschaft mit „Heiligkeit“ und göttlichen Dingen umgehen und in welcher Ambivalenz wir uns befinden.

Sie bekommen immer weniger Raum im Alltag der deutschen Gesellschaft und doch haben wir deutliche Skrupel etwas vermeintlich Göttliches in die Tonne zu werfen. Welche Resthoffnung steckt noch in den Menschen?

Es ist fast bedauerlich, daß das Bild nicht Ausdruck unserer Gesellschaft ist und sicher auch nicht für die Spiritualität oder den geistlichen Weg des Verkäufers stehen wird. Sollte dem widererwartend doch so sein, würde es dem Betrachter Hoffnung geben können. Hoffnung deshalb, weil der kreative Künstler Gott als einzig beständiges und verläßliches Element klassifiziert, dem auch der Unrat unseres täglichen Lebens nichts anhaben kann. Er hat sich erniedrigt. Erniedrigt nicht mal auf unsere menschliche Augenhöhe, sondern am Boden liegend, inmitten unseres Chaos. Doch das wird, wie gesagt, eine rein zufällige Interpretationsmöglichkeit sein.

Also wird dieses Kunstwerk am ehesten das „Werk“ des betrachtenden Fotografen sein, der in der Masse der Informationen und Materialien genau diese Szene festgehalten hat. Und auch dies wird nicht willkürlich geschehen sein, sondern dem Fotografen sprang etwas ins Auge, was ihn berührte. Deshalb muss es dem Fotografen nicht im Augenblick der Bildentstehung bewußt gewesen sein und doch hat er diese Szene aus unbewußten Gründen selbst ausgewählt und somit sekundär als „perfektes Arrangement“ festgelegt.

Das wiederum läßt darauf schließen, daß diese Szene etwas mit ihm selbst zu tun haben muß und damit wie er sich in dieser Welt und seiner Gottesbeziehung zum Zeitpunkt der Entstehung dieses Fotos wahrgenommen hat.

Und genau so ist es.

 

Persönliche Anmerkung:

Zum Zeitpunkt der Aufnahme war ich von der Szenerie einfach tief beeindruckt und ergriffen von Mitgefühl und Scham, daß mein Herr und mein Gott – und sei es als Holzfigur – so zerbrochen, gedemütigt und falsch zusammengesetzt auf dem Boden liegen muß, inmitten des Drecks, kurz davor vollzuregnen. Gerne hätte ich ihn aufgehoben und auf einem Tisch abgelegt, doch nirgends war Platz und es war auch nicht mein Stand. Doch zumindest fotografieren mußte ich es, damit mir kein Detail entging. Irgendetwas war an dieser Szene besonders.

 

5.     Interpretationsversuch

Versucht man nun wirklich die Fotografie unter zur Hilfenahme der Biographie des Fotografen zu interpretieren, ließe sich sagen:

Gott, bzw. Jesus hatte immer große Präsens. Und selbst wenn er nicht aktiv einzugreifen schien, hat er durch seine zentrale Stellung doch Kontakt zu allen entscheidenden Lebensphasen (Quadranten). Das könnte einem tiefen inneren Bewußtsein meiner Person entsprechen. Die erste Zeit (A) war gespickt mit Chaos, Wirrungen, Ängsten, Krankheit und Tod. Und doch hielt auch diese Zeit kleine Lichtblicke bereit, die das Gesamtbild durch ihre Farbpracht bereichern. Altes, Schönes, Buntes und Abgenutztes sind dicht beieinander zu finden und Jesus starker Arm (sein rechter Arm) versucht Klarheit zu schaffen – vielleicht auch die bunten Lichtblicke hervorzuheben.

Im weiteren Verlauf gab es Ereignisse, die alles andere in den Schatten stellten – all die kleinen ablenkenden Kleinigkeiten verschwinden aus dem Sichtfeld. Der Blick kann sich auf zwei wesentliche Objekte zentrieren: Zum einen die vermeintliche Waffe, die Jesus, vielleicht aber auch das eigene Leben massiv bedroht, als deutlich einschneidendes Erlebnis. Zum anderen das Kabelknäul – ein verworrenes Etwas, dessen Anfang und Ende auf dem Foto nicht definiert werden kann.

Dies könnte man interpretieren mit einer Zeit der Suche oder auch einer Zeit, in welcher es eine Entscheidung zu treffen galt: Eine Richtung muß eingeschlagen werden. Die Richtung wiederum wird durch das Zentrum definiert – Jesus!

Nach dieser Entscheidung, der betreffenden Person, findet eine Art Befreiung statt, so daß wieder weitere Aktivitäten aufgenommen und neue Dinge ins Blickfeld rücken dürfen (Abschnitt C, nahe Zukunft). Der Raum ist bei Weitem nicht so voll wie der erste Abschnitt und wirkt damit geordneter. Ggf. liegt hier eine höhere Entschiedenheit vor.

Persönlich würde ich sagen, befinde ich mich derzeit aktuell im rechten untern Abschnitt des Bildes: Es gibt noch nicht viel Neues neben meiner neuen, bewußten Ausrichtung. Und ich möchte anderen Dingen – ablenkenden Dingen, auch nie mehr so viel Platz einräumen. So ungerichtet wir in Raum D (ferne Zukunft) soll es bitte gar nie mehr werden, doch auch dafür werde ich mich immer wieder neu entscheiden müssen und meinen Blick immer wieder bewußt auf´s Zentrum richten – auf einen Jesus, der bei mir am Boden liegt – einen mitleidenden und mitgehenden Jesus , der mich jeden Tag neu ruft und mir Perspektive schenkt.

 

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0