Wir ertrinken im Meer der Möglichkeiten!
Die neuen Netzdenker und das große Leid.
„Netzdenker“, vor Corona auch „Querdenker“ – ohne jede politische Bedeutung, unterscheiden sich durch ihre Denkart. Während neurotypische Menschen primär „linear“ denken und einfach logisch, sozusagen von A nach B, kommt der Netzdenker nicht nur auf Lösung B, sondern auch noch auf die Lösungen C, D, E und F und geht dabei über X, Y, und Z. Diese Art des Denkens ist, ohne weitere Erklärung, schwerlich nachvollziehbar, ebenso wie die in Anschluß dargebotenen Ergebnisse.
Diese Menschen gelten oft als kompliziert, „laufen am Thema vorbei“, machen es extra schwierig, bedenken zu viel und erscheinen bisweilen unrealistisch bzw. lebensfremd, wenn nicht gar arrogant und überheblich in ihrem Denken. Fasse zusammen: Es sind Aliens.
Lange Zeit ist man davon ausgegangen, dass sich diese besondere Art des Denkens vorzugsweise bei höher intelligenten Menschen zeigt.
Doch die Anzahl der Netzdenker hat in den letzten Jahren deutlich zugenommen, wie ich in meine psychotherapeutische Praxis vermerken kann. Und das Bemerkenswerte daran: Die Menschen leiden darunter, sind überfordert, fühlen sich „fremdartig“ und die Welt wird für sie zunehmend anstrengender, enger, unkontrollierbarer und schwerer auszuhalten. Sie leiden und möchten flüchten.
Nun, es ist höchst unwahrscheinlich, dass der menschliche Genpool innerhalb von zwei Jahrzehnten einen massiven Sprung in der biologischen Intelligenz gemacht hat. Was wir stattdessen beobachten, ist eine erzwungene Vernetzung durch externe Stimuli, die auf ein biologisches System trifft, das dafür in der Art (noch) nicht ausgelegt ist.
Drei entscheidenden Faktoren:
1. Extern induziertes Netzdenken (Pseudo-Vernetzung)
Früher war vernetztes Denken eine interne Fähigkeit (Informationen im Kopf – nahezu automatisch - verknüpfen). Heute wird das Netzdenken von außen durch erhöhte Anforderungen aufgezwungen. Das
Internet ist die Manifestation einer „assoziativen Lockerung“. Alles ist möglich, demnach wird auch „alles“ verlangt und berufliche Ansprüche verändern sich. Arbeitnehmer probieren alles zu
bedenken, Eventualitäten zu berücksichtigen und sind auf der Hut, wenn Themen auch nur ansatzweise miteinander verknüpft sein könnten.
Die gebotene Informationsflut und damit einhergehenden Möglichkeiten sind verführerisch, birgen aber auch besondere Gefahren:
Die ständige Hypertext-Struktur (von einem Link zum nächsten) trainiert das Gehirn darauf,
Prioritäten aufzugeben, bzw. zu viele Prioritäten als gleichwertig zu behandeln.
Menschen wirken „vernetzt“, sind aber eigentlich eher fragmentiert. Sie springen nicht, weil sie Zusammenhänge sehen, sondern weil sie die (Impuls-) Kontrolle verlieren. Dabei wissen sie viel und
können bis zu einem bestimmten Grad auch Querverweise bieten, kommen aber irgendwann an den Rand ihrer Kapazitäten, sind angestrengt, ausgelaugt und überfordert. Gedankengänge verlieren sich, man
verliert die Übersicht und ist gestresst.
Zusätzliche Reize, beispielsweise im Großraumbüro, beim ständigen Telefonklingeln, anhaltendes Wimmern der Klimaanlage u.ä. können nicht mehr zusätzlich toleriert werden.
2. Die Erosion der Hierarchisierung (Exekutive Dysfunktion)
Intelligenz wird oft über die Fähigkeit definiert, Unwichtiges wegzulassen. Genau diese Inhibitionsleistung bricht unter der Informationsflut jedoch irgendwann zusammen.
Die Menschen werden sensibler, aber nicht im Sinne einer höheren Empathie, sondern einer erhöhten Vulnerabilität gegenüber Reizen, die sie irgendwann nicht mehr tragen können.
(Reizüberflutung).
In der Praxis sehe ich eine Zunahme von Symptomen, die wie formale Denkstörungen (vorbeiredend, umständlich, zerfahren) wirken, aber eigentlich eine sekundäre exekutive Dysfunktion durch
chronische Überreizung sind. Es besteht eine Überforderung.
3. „High Sensitivity“ als Pathologie der Moderne
Wenn das Gehirn nicht mehr filtern kann, wird jede Information gleichwertig.
Wenn alles wichtig ist, ist am Ende nichts mehr wichtig. Das führt zu einer massiven Entscheidungsunfähigkeit (Decidophobia) und Erschöpfung.
In der Diagnostik könnte man hier fast von einem „erworbenen Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom“ sprechen, das rein umweltbedingt und hausgemacht ist. Im Zuge der Möglichkeiten, ggf. auch getriggert
durch eigene Interessen und etablierte Belohnungssysteme (nach der Arbeit darfst du Daddeln oder am PC spielen), werden eigentlich notwenige Abstinenzzeiten (Bildschirmfreie Zeit – Pausen), um
eine entsprechende Regeneration zu gewährleisten, nicht mehr eingehalten. Das System steht unter „Dauerbeschuss“.
Menschen, bzw. meine Patienten, die „netzartig“ denken, aber nicht die kognitive Souveränität (IQ) besitzen, um dieses Netz zu steuern, brennen aus und werden irgendwann krank. Man könnte auch
sagen, sie werden vom „Architekten“ zum „Ertrinkenden“:
Während der hochbegabte Netzdenker (und das betrifft nur 2,3% unserer Gesellschaft) das Netz wie ein Architekt aufbaut und darin wandelt, wirkt der Normalbegabte heute oft wie jemand, der in
einem Fischernetz gefangen ist und wild um sich schlägt, während seine Kräfte ihn allmählig verlassen und er untergehen wird.
Aber wie soll man das adäquat diagnostizieren bzw. in einer Diagnose festhalten? Die Menschen
leiden aufgrund der Umstände, Möglichkeiten und neuen, an sie gestellten Anforderungen. Vielleicht ist es oft gar keine klassische psychiatrische Erkrankung, sondern eine Anpassungsstörung
(F43.2) an die digitale Zivilisation oder eine Neurasthenie (F48.0). Das „vernetzte Denken“ ist dann kein Talent, sondern das Symptom eines überfluteten Arbeitsspeichers.
Damit einher können dann Symptome gehen wie: allgemeine Reizüberflutung (akustisch, optisch, olfaktorisch), innere Unruhe und psychomotorische Getriebenheit, sozialer Rückzug, deutlicher Wunsch nach Struktur, Verlässlichkeit und Klarheit, kreisende Gedanken und Grübelneigung, Ein- und Durchschlafstörungen, Hypersensitivität, vermehrte Reizbarkeit, Freudlosigkeit, Schwindel, Spannungskopfschmerz und vieles mehr.
Die gute Nachricht dabei: Das kann man ändern, behandeln und wieder zur „Normalität“ finden!
Trotz dieser Symptome, die häufig in den sozialen Medien mit Neurodivergenz und Autismus assoziiert werden, besteht kein echter Autismus oder ADHS.
Selbst wenn viele meiner Klienten diese Diagnosen als deutlich entlastender empfinden, muss nochmal deutlich darauf hingewiesen werden, dass eine ASS (Autismusspektumstöung), ebenso wie das ADHS nicht heilbar und bedingt therapierbar sind und häufig eine massive Einschränkung der Lebensqualität und Möglichkeiten mit sich bringt. Werden diese Diagnosen fälschlicherweise gestellt, wird der jeweilige Klient nie die Unterstützung bekommen, die er eigentlich bräuchte, um dann auch genesen zu können.
Auch wenn das nicht alle so sehen mögen, sollte doch eine Genesung bzw. signifikante Verbesserung der persönlichen Lebensqualität immer das Ziel einer psychiatrischen und psychotherapeutischen Arbeit sein, oder?
Liebe Grüße
Susann-Mareen Theune-Vogelsang